Friedhof der Besiegten (Was ein Russe erlebte und dachte)

Hinter der im Gebiet von Wladimir gelegenen Stadt Kameschkowo - hinter den niedrigen Anlagen
des städtischen Gemüselagers und der Sickergrube der Viehfarmen, im reinen, nie welkenden
Kiefernwald-erhob sich über viele Jahre ein mit den Jahren schwarz gewordener, drei Meter
hoher Holzzaun. Dichtgefugt und geheimnisvoll, ohne eine einzige Pforte oder ein Schlupfloch;
mit solchen Zäunen umgibt man gewöhnlich Gruben für Tierkadaver, allerlei Herde von
Ansteckung, Pest und Maul- und Klauenseuche. Die Vorübergehenden machten einen Bogen um ihn,
und die alte Beerensammlerinnen bekreuzigten sich hastig.

Hinter der undurchlässigen Umzäunung verbarg sich ein Friedhof deutscher Kriegsgefangener,
Soldaten des Zweiten Weltkrieges, die an Verwundungen und Krankheiten fern ihrer Heimat
gestorben waren, in diesem fremden russischen, holzgebauten Städtchen, das sie sicher nicht
einmal im Traum gesehen hatten. Während des Krieges und noch einige Jahre nach seinem Ende
befand sich in Kameschkowo ein Krankenhaus für deutsche Kriegsgefangene. Das Krankenhaus
war in den zwei Gebäuden untergebracht, in denen sich jetzt die städtischen Schulen Nr.2
und Nr.3 befinden. Die kranken Deutschen wurden mit der Eisenbahn nach Kameschkowo gebracht,
in roten Güterwaggons.

Nach Augenzeugenberichten wurden sie stehend in die Waggons verladen und so zusammengedrängt,
dass die Menschen aus den Waggons herausfielen, wenn die Türen geöffnet wurden - Lebende
und die unterwegs Gestorbenen, alles ein einziges Durcheinander.

Die Behandlung im Krankenhaus war miserabel, es fehlte an Personal und Medikamenten, die
Nahrung war Lagerkost, und die Menschen starben wie die Fliegen, die meisten nicht einmal
an Krankheiten, sondern vielmehr an Hunger, unhygienischen Verhältnissen, zumeist jedoch
aus Mangel an Pflege und an der Isolierung. Und was konnte es da tatsächlich schon für
eine Behandlung geben, da für das Krankenhauspersonal hier doch nur "Faschisten" und
"Fritzen" lagen, die konnte man nicht nur ohne echte Pflege lassen, man durfte ihnen
obendrein noch einen Fußtritt geben. Nach Augenzeugenberichten wurden die Leichen in
Unterwäsche - und manchmal auch ohne sie - zu einem Haufen auf ein Pferdefuhrwerk
geschichtet, und ein tauber, schweigsamer Fuhrmann brachte sie hinter die Stadt,
auf den Friedhof im Wald. Die Deutschen selbst stellten die Totengräber, die aus
Rekonvaleszenten und Ordonanzen rekrutiert wurden. Mit deutscher Gründlichkeit wurde
jedes Grab mit behauenen Steinen eingefriedet; es war ihnen nicht erlaubt, darauf einen
Namen einzumeißeln oder ein Kreuz aufzustellen, nur oben, am Kopfende, wurde die
Registriernummer aufgepinselt.

Als der Friedhof schließlich von einem dichten Bretterzaun umgeben und nach der Auflösung
des Krankenhauses auch noch das Tor fest verschlossen wurde, war jeder Zutritt unmöglich
geworden. Die Jahre vergingen. In der ganzen Zeit, da der Friedhof umzäunt war, blieben
die Gräber noch irgendwie erhalten: die Nummern wurden nicht zerstört. Die Gräber waren
dicht mit Gras bewachsen, mit den ledrigen Blättern der Preiselbeere, schon waren hie
und da junge Kiefern und Birken gewachsen. Der Friedhof verschmolz allmählich mit dem
Wald, löste sich in ihm auf.

Zum ersten Mal bin ich im Sommer 1973 auf diesem deutschen Waldfriedhof gewesen. Der Zaun
stand damals noch, obgleich ein heraus gefallenes Stück den Friedhof zum Teil dem Blick
von außen freigab. Eine etwas unheimliche Verwahrlosung und ein Gefühl des Ungerechtigkeit
wehte mir entgegen, als ich durch diese Bresche stieg. Damals wusste ich noch nicht, was
ein Lagerfriedhof ist, doch dies war einer: regelmäßige Quadrate mit Nummern, so sieht
eine Lagerbaracke aus, wenn die Häftlinge zur Arbeit gegangen sind. Ich zählte 460 Gräber,
davon 19 Massengräber. Warum denn Massengräber? Hat es Epidemien gegeben? Im Gras unter
dem Zaun entdeckte ich einen umgedrehten, von einem der Gräber gestoßenen schweren Stein,
in den "Rudi Mayer 1908-1946" gemeißelt war.

Wer hatte diesen Stein aufgestellt? Hatte tatsächlich jemand aus der Heimat hierher gefunden?
Wahrscheinlich war, dass sie das genaue Grab nicht gefunden und den Stein aufs Geradewohl
aufgestellt hatten, und jetzt hatte irgend jemand, dem all das völlig gleichgültig war,
ihn ganz einfach ins Gestrüpp am Zaun hinabgestoßen. Ich sah noch einen Stein an einem
der Gräber, aber das war auch schon alles: "Dr. Richard Spieler, 1914-1946".

Ich erinnere mich, dass ich mir schon damals die Frage stellte: Warum? Warum werden tote
Sieger unter Marmorplatten begraben, auf denen ihre Namen in Goldbuchstaben eingemeißelt
sind? Warum sind die Besiegten wie die Stiefkinder der Erde, wie am Straßenrand aufgelesene
Vagabunden, wie ansteckende Tiere - versteckt hinter einem dichten Zaun, ohne Gräber und
Namen, in verstreuten Gruben im Wald? Nun gut, sie waren Fremde, Aggressoren,
Eindringlinge, Feinde… Doch sie kamen bereits ohne Waffen in den Händen in diese ferne
Siedlung. Sie starben an Wunden und Hunger, an irgendwelchen Eiterherden, in einer fremden
Gegend, wohin ein Machthaber sie geschleudert hatte und wo ein anderer sie, obwohl
bereits besiegt und in Gefangenschaft, erniedrigte und kaum etwas unternahm, um sie zu
heilen und zu ernähren. Und überhaupt: Im Tod gibt es keinen Reinen und Unreinen, in ihm
kann es keine Nationen, keine Klassen, keine Aggressoren, keine Feinde geben.

Es ist das letzte Recht eines jeden, menschenwürdig begraben zu werden, selbst als
Aufrührer, Verbrecher, Sklave und Ausgestoßener. Und ganz gewiss müssen Soldaten aller
Armeen, selbst wenn sie auf fremden Boden und mit der Waffe in der Hand gefallen sind,
dieses Recht erhalten. Sie alle verdienen gleichermaßen Andenken, Achtung und Mitleid,
denn sie alle erfüllten ja nur den Willen ihrer Regierungen. Diese Soldaten dürfen der
Schuld ihrer Regierungen wegen mit den Füßen getreten werden. Erst fünf Jahre später,
1978, besuchte ich wieder diesen deutschen Friedhof. Mein Gott, was für ein schrecklicher
Anblick bot sich da! Von jenem Holzzaun war kein Brett übriggeblieben. Und jener Ort war
nicht mehr nur Schauplatz der Verwahrlosung und Auflösung, sondern der Schmähung und
Plünderung.

Von vielen Gräbern war die Steinumrandung entfernt worden - jene bescheidene Einfassung,
die die Hände der Landsleute, die vielleicht eine Woche später selbst eine Reihe weiter
begraben worden waren, so sorgfältig gelegt hatten. Diese Steine waren jetzt von
Diebeshand herausgebrochen, hier und da klafften in der Erde schwarze, frische Wunden.
Einige Gräber, darunter ein Massengrab, waren ebenfalls halb ausgegraben; wer
mochten die Grabräuber sein und was hatten sie hier gesucht? Auch der Wald ist schon
dem Druck der Vorstadt gewichen. Der Friedhof ist von Kühen zertreten und verschmutzt
(jetzt werden sie von den Tierfarmen zu den Weiden direkt hier durch geführt),
er ist mit Unkraut und Gestrüpp zugewachsen und zu einem Müllabladeplatz geworden:
verrostete Konservendosen, Glasscherben, irgendwelche vermoderten Lumpen.

Die Bevölkerung zeigt gegenüber dem Schicksal dieser Unglücklichen, die im Wald bei
Kameschkowo liegen, ein unverständliches Verhalten: "Das sind doch Faschisten! Recht
geschieht´s ihnen! Sie heben doch getötet, gebrandschatzt!" Und doch glaube ich
daran, dass mein schweigsames Volk in seiner Mehrzahl die Besiegten nicht richtet.
Sie mögen schweigen, einen Bogen machen oder wegsehen, aber innerlich erfüllt sie
Scham. Sie begreifen, haben Mitleid und unterscheiden sich wenigstens darin von der
grauen und gleichgültigen Staatsmacht, die nur Feinde, sondern auch Millionen
eigener Bürger in die sibirischen, namenlosen Gruben des Gulag geworfen hat.

Nachdem ich einige Aufnahmen gemacht hatte, ging ich noch einmal schweren Herzens,
an allen diesen traurigen, namenlosen Grabhügeln entlang. Wer waren diese Menschen,
namenlos, bis auf Rudi Mayer und Dr. Spieler? Wie hießen sie, wie hatten sie ausgesehen,
wer liebte sie und wartete auf sie? Denn sie alle hatten irgendwo Hinterbliebene:
Mütter; Verlobte, die vielleicht noch immer ungetröstet sind und für sie beten, die
vielleicht viel für ein Wort, für die Antwort auf das "Wo?" geben würden. Sie aber
sind hier - eingehüllt von einem fernen Wald bei Wladimir, unter einem dreißig Jahre
währenden Schweigen, ausgestoßen und geschmäht.

   

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