Dieser verdammte Krieg

Fritz blickte von seinen staubigen Stiefeln auf und ließ seinen Blick über die Wüste schweifen.
Er nahm einen großen Schluck aus seinem Cognacschwenker und beobachtete dabei eine Herde
Kamele, die am Horizont vor der untergehenden Sonne vorbeizog. Der junge Mann behielt die
weiche Flüssigkeit noch eine Weile im Mund und genoss anschließend das warme Gefühl in der
Kehle, dass der Weinbrand nach dem Schlucken hinterließ. Er stellte das Glas neben der Karaffe
auf dem kleinen Mahagoni-Klapptisch ab und schaltete den Volksempfänger ein, der auf dem Boden
stand. Fritz zog genüsslich an seiner Zigarre, schloss die Augen und sang leise mit. "Vor der
Kaserne, vor dem großen Tor…."

Es war Ostern 1942 und als einen der besten Fotografen des Reiches hatte das Propagandaministerium
ihn für einen Monat nach Tunesien geschickt. Hier, nur wenige Kilometer vor Tunis, sollte er
eine Fotoreportage über Generalfeldmarschall Rommels Erfolge während des Afrikafeldzuges machen.
Fritz war gegen den Krieg. Aber das Fotografieren war nun mal sein Beruf. Und auch in solchen
Zeiten musste er seinem Handwerk nachgehen. Zudem war es ihm lieber als Berufsfotograf statt als
Soldat in den Krieg zu ziehen. Er verabscheute jegliche Form von Gewalt und hätte ohnehin
niemals einen Menschen töten können. Zudem hatte er in seiner Funktion hier einige Privilegien,
wie zum Beispiel sein eigenes Zelt abseits der Truppe. Trotzdem hoffte Fritz, dass Hitler den
Krieg endlich gewann und in Deutschland wieder Ruhe einkehrte.

Vor zwei Tagen hatte er seine Arbeit hier beendet. Am Vortag kam ein Telegramm aus Berlin.
Goebbels hatte den jungen Fotografen zu seiner hervorragenden Arbeit beglückwünscht und ihm noch
zwei Tage Freizeit mit nur allen erdenklichen Annehmlichkeiten versprochen. Fritz hatte sich
zunächst ein wenig in Tunis umgesehen, wegen der großen Hitze in der Stadt aber auf weitere
Unternehmungen verzichtet. Noch war die Versorgungslage des Afrika-Corps gut. So hatte er sich
anschließend eine Flasche Weinbrand, Zigarren und den Volksempfänger besorgen lassen um es sich
schließlich in seinem Quartier bis zu seiner Abreise gut gehen zu lassen.

"...wie einst Lili Marleen…." Während Fritz mitsang, dachte er sehnsüchtig an Lieselotte, seine
Verlobte. Sie war im fernen Lübeck zurückgeblieben. Fritz zog ein Foto seiner Geliebten aus der
Hemdtasche und gab dem hübschen Mädchen auf dem Bild einen Kuss. Lieselotte war schwanger und
sie wollten gleich nach seiner Rückkehr heiraten. Auf dem Foto war schon ein leichter Bauchansatz
zu erkennen und Fritz fragte sich, wie groß ihr Bauch bei seiner Heimkehr sein würde.

Plötzlich riss das Motorengeräusch eines heranfahrenden Geländewagens ihn aus seinen Gedanken.
Das Fahrzeug stoppte in einer großen Staubwolke. Ein junger Soldat aus Rommels Afrikakorps sprang
vom Fahrersitz und kam eilig zu Fritz herüber.

"Heil Hitler!", grüßte der Soldat eifrig. Fritz erwiderte den Gruß nicht, sondern nickte nur und
sah den Mann fragend an. Dieser fuhr ein wenig irritiert fort: "Der Generalfeldmarschall lässt
Ihnen mitteilen, dass sie noch morgen Vormittag mit der Ju52 nach Sizilien ausgeflogen werden.
Von dort aus geht es mit dem Zug zurück in die Heimat." Fritz bedankte sich für die Information
und der Soldat verschwand genau so plötzlich, wie er gekommen war.

"Dieser verdammte Krieg." murmelte Fritz. Es schauderte ihm bei dem Gedanken ans Fliegen. Es war
laut und unbequem in der großen Maschine und auf dem Hinflug war ihm speiübel geworden, als er
nur kurz aus dem Fenster sah.

Schnell schenkte er sich noch einen Cognac nach und spülte die unangenehmen Gedanken mit einem
großen Schluck runter. Erst als die Sonne am Horizont versunken war, ging er in sein Zelt und
legte sich schlafen.

In der Nacht hatte Fritz einen Albtraum. Lieselotte stand vor seinem Bett. Liebevoll lächelte
sie ihren Verlobten an. Sie deutete auf ihren Bauch und strich mit kreisenden Bewegungen
mit ihrer Hand darüber. Schließlich beugte sie sich zärtlich zu Fritz herab und gab ihm
einen Kuss. Plötzlich erstarrte das Lächeln der hübschen Frau. Nackte Angst spiegelte
sich in ihren Augen wider. Ein gewaltiges Dröhnen erfüllte den Raum gefolgt von einem lauten
Knall, der dem jungen Mann fast das Trommelfell platzen ließ. Fritz hörte Menschen schreien.
Es roch plötzlich nach verbranntem Fleisch. Panisch sah Lieselotte immer wieder nach oben.
Staub und Schutt fielen auf ihren Kopf herab. Mit schmerzverzerrtem Gesicht rief sie ihrem
Geliebten etwas zu, aber sie kam gegen den Lärm nicht an. Tränen flossen über ihr hübsches
Gesicht. Fritz versuchte krampfhaft ihr die Worte von den Lippen abzulesen.
"..Angriff…Feuer…für immer beisammen…ich liebe dich…" dann verschwand das Gesicht seiner
Verlobten hinter einem Schleier aus Rauch und Staub.

Schweißgebadet schreckte Fritz aus dem Schlaf auf und blieb verstört eine Weile aufrecht
im Bett sitzen. Der Geruch von verbranntem Fleisch schien immer noch in der Luft zu hängen.
Fritz spürte wie sich sein Magen zusammenzog und er musste gegen einen aufkommenden Brechreiz
ankämpfen. Er stand auf, wusch sich kalt durch sein Gesicht und trat vor das Zelt. Tief
atmete er die frische, kühle Nachtluft ein.

Der klare Sternenhimmel über Afrika war das letzte, was der junge Mann sah. Die Kugeln der
britischen Stukas, die über Rommels Lager hinwegfegten, trafen ihn tödlich in der Brust.

Lübeck 1952

Der Bauleiter zog andächtig seinen Helm als die Männer vom Bestattungsinstitut mit der Trage
vorüberzogen. "Sie haben die Leiche also bei den Abrissarbeiten in dem Keller entdeckt?",
fragte ein Kripobeamter im grauen Trenchcoat den vor Schreck immer noch blassen Mann.
"Ja, wir wollten die hintere Wand des Kohlenkellers herausbrechen, da saß sie in der Ecke.
Ich habe mich zu Tode erschreckt. Ich wusste gar nicht, dass das hier ein Luftschutzkeller
war." "Ich auch nicht.", gab der Kripobeamte zu und fuhr fort: "Sie muss bei dem Luftangriff
auf die Altstadt am Palmsonntag 1942 umgekommen sein. Der hintere Teil des Kellers war
eingestürzt. Ihr Körper war von der Luft abgeschnitten und ist dadurch mumifiziert. Sie
war schwanger." "Wissen Sie, wer es ist?", fragte der Bauleiter und setze seinen Helm wieder
auf. "Keine Ahnung, aber sie hatte das hier fest umklammert." Der Kripobeamte zeigte dem
Bauleiter die vergilbte Fotografie eines jungen Mannes. Auf der Rückseite stand in
verblasster Schrift:" Wir sehen uns bald wieder. In ewiger Liebe, Dein Fritz."

"Dieser verdammte Krieg", murmelte der Bauleiter, während er dem Beamten kopfschüttelnd
das Bild zurückgab und wieder an seine Arbeit ging.

   

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