Jetzt, da es gilt das Vaterland zu verteidigen

Der Zweite Weltkrieg begann am 1. September 1939, 5:45 Uhr. Er endete am 2. September 1945,
9:25 Uhr (Anm. Webmaster: Kapitulation Japans). Er dauerte sechs Jahre und einen Tag oder
2194 Tage oder 52641 Stunden. Durch den Krieg verloren in jeder Stunde 1045, in jeder
Minute 17 Menschen ihr Leben, insgesamt 55 Millionen. Sie starben als Soldaten, als
Flüchtlinge und Vertriebene, als Opfer der Gewaltherrschaft, als Opfer des Luftkrieges.

Am Morgen des 25. April 1945 meldete der Großdeutsche Rundfunk in seinen Nachrichten:
"Die französischen Streitkräfte dringen trotz heftigen Widerstands weiter der Donau entlang
vor. Panzerspitzen stehen vor Sigmaringen."

"Jetzt geht es nicht mehr lange", flüsterte meine Mutter, denn laut wagte sie auch jetzt
noch nicht, den verräterischen Gedanken auszusprechen. Neben ihr stand ich ihr 13-jähriger
Bub in stolzer Jungvolkuniform, dem braunen Hemd mit den Siegernadeln aus den
Rechssportwettkämpfen an der linken Brusttasche wie Orden aufgereiht, und der rotweißen
Führerschnur, die mich als Jungenschaftsführer auswies. Mich ärgerte, ja verletzte die
Ansicht meiner Mutter. Doch heute widersprach ich nicht, weil ich in Eile war.

Seit Anfang der Woche gab es keinen Unterricht mehr im Gymnasium der Stadt. Es war ein
Lazarett geworden. Dafür aber war Dienst, der Fähnleinführer hatte es befohlen. Nicht mehr
alle kamen, "Die Feiglinge natürlich fehlen", stellte er beim Appell fest und fährt im
schneidigen Ton fort: "Jetzt, da es gilt, das Vaterland zu verteidigen"

. Draußen zogen derweil Kolonnen von Soldaten die Dorfstraße hinauf. Der nahe Flugplatz
wurde geräumt. Waren sie nicht auch Feiglinge? Nein, sie müssen die Alpenfront aufbauen,
so unser Fähnleinführer. Und dann erklärte er den ehrenvollen Auftrag, den wir auszuführen
hätten. Draußen am Waldrand liegt eine Abteilung Soldaten, Angehörige der
Hitlerjugenddivision, Jungen im Alter von 16 bis 17 Jahren. Sie sollten für eine Nacht
abgelöst werden, einmal wieder in einem Bett schlafen können, ein warmes Essen bekommen.
Jeder von uns müsste vier von denen ins Quartier nehmen. Am Abend kamen sie ins Dorf,
voll ausgerüstet mit Sturmgewehr und Panzerfaust. Einer hatte sogar das Eiserne Kreuz und
wurde besonders bewundert. Mutter kochte eine warme Suppe, machte Röstkartoffeln und
jedem ein Spiegelei.

Ich beneidete sie, hätte gerne viel erfahren, aber sie blieben auffallend wortkarg und
legten sich früh schlafen. Ich indessen rüstete mich für den Einsatz im Wald. Winteruniform,
Tornister und Fahrtenmesser lagen schon bereit, warmer Tee musste noch in die Feldflasche
gefüllt werden. Da trat die Mutter in die Küche. Sie starrte mich verständnislos an. Ich
wurde unsicher. "Du weißt doch, Ablösung für die" - gemeint waren die vier jungen Soldaten
im Quartier - "es ist nur für eine Nacht" versuchte ich zu beschwichtigen, gerade so, als
ob Krieg ein Kinderspiel wäre. Was jetzt geschah, vollzog sich so überraschend, dass ich
es völlig wehrlos über mich ergehen ließ. Zwei Ohrfeigen klatschten an meine Wangen, wie
ich sie von meiner Mutter noch nie bekommen habe, die Mütze flog vom Kopf, Hakenkreuz-Armbinde,
Achselklappen und Führerschnur lagen abgerissen auf dem Küchenboden. Wortlos spielte sich
die Entwaffnung ab. Sollte der Krieg so für mich enden? So unehrenhaft? Im Bett heulte
ich vor Wut und Scham. Tausend Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Fahnenflucht, Strafe,
Verrat, Demütigung, Feigheit, Niederlage, Ende. Endlich muß ich eingeschlafen sein.

Es wurde eine unruhige Nacht. Der Strom zurückfliehender Soldaten ebbte kaum ab. Aber es
waren keine Marschkolonnen im Gleichschritt, es waren ungeordnete Haufen, eine Armee in Auflösung.

Plötzlich weckte mich Geschrei, ein Schuß fiel. Ich eilte ans Fenster. An Nachbars Scheune
standen acht Soldaten. Vor ihnen ein Oberleutnant der Waffen-SS. Sie hatten im Stroh der
Scheune übernachtet, jetzt wollten sie nicht mehr weiter. Der Offizier schrie von
Befehlsverweigerung und standrechtlicher Erschießung. er hatte seine Pistole auf die
Soldaten gerichtet, aber seine Hand zitterte. Da erschien Bauer Greisle. Drohend hielt
er seine Mistgabel in der Hand, auch Nachbar Brotzer kam hinzu und begann mit dem Offizier
zu sprechen. Er selber habe als Unteroffizier vier Jahre lang den Ersten Weltkrieg
mitgemacht - ich habe immer das Bild über dem Sofa seiner Wohnstube bewundert, das ihn
in Paradeuniform zeigte - aber einen Offizier, der seine Pistole gegen die eigenen
Kameraden richtete, habe er nie erlebt. Diese Worte zeigten Wirkung, der Offizier steckte
die Waffe in die Pistolentasche, schrie noch etwas von Freiwilligkeit, ihm zu folgen und
zog ab, die acht Soldaten mit ihm.

Dann wurde es stiller im Dorf. Es war ein frühlingshafter, milder Tag. Der Tross der
zurückflutenden Soldaten hatte aufgehört. Gegen 10 Uhr klingelte die Hausglocke. Draußen
stand Frau Zinser, die Lehrerin. Sie war schon über sechzig, evakuiert aus Essen und hatte
seit dem letzten Jahr die Schule versorgt. Unter- und Oberklasse, fast 70 Schüler. Sie bat
mich mitzukommen. Auf der Bühne lagen noch die Hakenkreuzfahnen, auch die der Gemeinde,
weil das Rathaus im gleichen Gebäude untergebracht war. Die Fahnentücher wurden zerschnitten,
die Stangen aber noch aufbewahrt, ein weißes Leinentuch dazugelegt. "Für alle Fälle",
meinte Frau Zinser. Bücherei und Lehrmittelschränke wurden durchstöbert, das Hitlerbild
von der Stirnwand des Klassenzimmers abgehängt. Zurück blieb ein auffälliger weißer Fleck.
Er missfiel Frau Zinser. Aus einer naturkundlichen Lehrtafel passte sie das Bild eines
Fuchses in den Rahmen ein und hängte es an die nämliche Stelle.

Der Ortsgruppenführer stiefelte noch einmal in Uniform durch das Dorf. Der Volkssturm
sollte die Panzersperren errichten. Doch anstelle von Baumstämmen karrten sie an den drei
Ortsenden beladene Mistkarren zusammen und stellten sie quer über die Straße. Das war der
letzte Befehl, den der Ortsgruppenführer kraft seines Amtes erteilte. Noch am Abend holten
die Bauern ihre Mistkarren wieder heim.

Die Nacht blieb ruhig. Am anderen Morgen hörte man von der Landstraße her schweres, dumpfes
Dröhnen. Es wurde lauter, unheimlicher und bedrohlicher. An Laubenfenstern und Dachgauben
zeigten sich die ersten weißen Fahnen. Da tauchte der erste Panzer auf. Mein Gott, was für
ein Koloss und wie wendig und schnell! Mir fiel die Szene mit meiner Mutter wieder ein. Wie
recht sie hatte! Aus war es mit "Sieg heil", mit Vaterland verteidigen, mit Held spielen.
Ich konnte die Ereignisse noch nicht richtig einordnen. War alles nur Lüge, Propaganda gewesen?

Zum Nachdenken blieb wenig Zeit. Für uns Buben waren die nächsten Tage voll bewegender
Ereignisse. Im Wald entdeckten wir einen Planwagen voll Schuhcreme, und im Feuerwehrraum
lagerten Holzkisten, von einer Versorgungseinheit der Wehrmacht zurückgelassen. Wir
stiegen durch das kleine Hinterfenster ein und wuchteten eine der Holzkisten auf. Sie war
gefüllt mit Orden: Eisernen Kreuzen, Verwundetenabzeichen, Sturmabzeichen, Verdienstmedaillen.
Als wir gerade unsere Taschen füllen wollten, wurden wir entdeckt. Wenig später transportierte
ein Militär-Lkw die Kisten ab, ebenso die beschlagnahmten Radio- und Fotoapparate und auch
mein Luftgewehr.

Mit den Besatzungssoldaten arrangierte man sich so gut wie es ging, die Evakuierten zog es
nach und nach wieder in ihre Heimat zurück. Nach den Sommerferien begann die Schule. Die
meisten Klassenkameraden traf ich im Gymnasium der Stadt wieder, nur Ernst fehlte. Beim
Hantieren mit Munition hatte ihn eine explodierende Granate getötet. Statt Englisch war jetzt
Französisch die erste Fremdsprache; Hefte waren rar und nur mit Bleistift beschreibbar,
das schlechte Papier vertrug keine Tinte.

Die Entnazifizierung war in vollem Gange. Der Ortsgruppenleiter war ein Vierteljahr in einem
Internierungslager, und die Bahnlinie Friedrichshafen-Ulm endete in Laupheim, dort war
die Zonengrenze.

Die ersten Soldaten kehrte heim, auch mein Vater. Nur aus Russland gab es kaum ein Lebenszeichen.

   

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