Ein Birkenkreuz am Polarkreis

Es ist bitter, nie an das Grab des gefallenen Vaters oder Sohnes treten zu können,
nie eine Blume als Dank und Zeichen der ewig währenden Liebe auf den einsamen
Hügel pflanzen zu können. es bleibt nur die Erinnerung an den teuren toten und das
wunde Herz, das nie vergisst. Doch die Mutter Erde ist groß, und sie hat überall
die von uns zu früh Geschiedenen still zum ewigen Schlaf aufgenommen.
Friede herrscht an den Orten der Kreuze, und von einem solchen Friedhof, fern der
Heimat, soll hier berichtet werden.

Ein Transport von Kriegsgefangenen aus Breslau-Hundsfeld erreicht nach Wochen
unvorstellbarer Strapazen Mitte Dezember 1045 das unwirtliche Verbannungsland Karelien.
Schnee und Eis deckt die Fluren und die entkräfteten Männer haben Mühe, sich durch
den hohen Schnee nach dem Lager zu schleppen. Viele ahnen wohl schon, dass sie das
Lager nicht mehr lebend verlassen werden.

Als einen der ersten Toten beklagen wir den über 60 Jahre alten Herrn von Bergmann-Korn,
den allen Breslauern bekannten Inhaber der "Schlesischen Tageszeitung" und des
"Bergstadt-Verlages". Schon auf dem Transport ist er erkrankt, und die nicht enden
wollenden Strapazen haben auch die letzten Kräfte des mit dem Tode Ringenden aufgezehrt.
Kurz nach der Einlieferung in das Lazarett stirbt er. Ihm folgen viele Kameraden.
Täglich zieht im fahlen Morgenlicht ein kleiner, struppiger Schimmel den
"Totenschlitten" aus dem Lager. Wohin? -Keiner gibt uns auf unsere Frage Antwort.

Mach langen, trüben Wintermonaten hält auch in diesen Breiten der Frühling endlich
seinen Einzug. Die Schneedecke schmilzt, das Eis der Seen bricht auf, und in den
unermesslich weiten Wäldern, in denen wir beim Holzschlag die "Norm" erfüllen
müssen, zirpen uns die gefiederten Sänger einen ersten Frühlingsgruß zu.

In diesen Tagen wird im Lager ein neues Arbeitskommando zusammengestellt. Es soll
aus sechs Mann bestehen. Vier Stunden Arbeitszeit ohne Bewachung werden angekündigt.
Auch ich werde auf meine Meldung hin diesem Kommando zugeteilt. Am 1.Mai werden uns
Spaten, Beile und Sägen ausgehändigt, und wir rücken mit diesem Gerät an das Lagertor.
Hier nimmt uns nach kurzer Wartezeit ein russischer Feldwebel in Empfang. "Ah, ihr neues
Kommando? Wir werden auf dem Friedhof arbeiten. Verstanden? No, dawai, na lewo
(nach links), ich gleich kommen."

Wir sehen uns im ersten Augenblick verdutzt an. Doch schon nach wenigen Schritten steigt
in unseren Herzen ein Gefühl der Freude auf. Es ist nicht nur die Freiheit, die wir atmen
dürfen, denn seit dem Betreten des Lagers lassen wir das erste Mal für längere Zeit den
Stacheldraht hinter uns. Nein, es ist Freude darüber, für unsere toten Kameraden etwas
schaffen zu dürfen. Endlich werden wir erfahren, wo und wie unsere Kameraden ruhen.
Bald liegen die letzten, elenden Blockhäuser des Ortes hinter uns, und wir trotten in
einer langgezogenen Senke einem Tal entgegen. Blumen blühen am Wegerand, in leichtem
Wind wiegen sich die schlanken Zweige der Birken, eine Bachstelze wippt mit ihrem langen
Schwanz auf einem kantigen Stein. Wir wandern wie durch ein Märchenland und hätten
wahrhaftig für Minuten unsere trostlose Lage vergessen, wenn nicht gerade in diesem
Moment der russische Feldwebel hinter uns aufgetaucht wäre. Er winkt. Wir verhalten,
bis er uns erreicht hat. "No, weiter!" Wir spitzen die Ohren, es kommt kein "Dawai".
Er treibt nicht, zuckelt gemütlich mit uns mit. Jetzt sind wir an der Senke. Wir poltern
über eine lange Holzbrücke, unter der sich ein Bach durchschlängelt. Am jenseitigen Ufer
umfängt uns Wald, Kiefernwald. Auf sandigem Wege geht es noch zehn Minuten weiter, da
sehen wir Birkenkreuze zwischen den lichter werdenden Bäumen aufleuchten. Der Friedhof,
wir sind am Ziel.

Wir erblicken frische Gräber, umgestürzte Holzkreuze, der Anfang eines Zaunes liegt
umgebrochen auf dem Waldboden. Der Winter hat seine Spuren hinterlassen. Hier ist viel
in Ordnung zu bringen. Wir stehen stumm mit abgenommenen Mützen vor unseren Toten. der
Feldwebel zeigt auf die Schäden und gibt uns zu verstehen, dass wir arbeiten sollen. Die
eingefallenen Hügel sind zu erneuern, und es ist auch ein Zaun zu setzen. Der Wald wird
uns alles geben, was wir brauchen. Dann geht er in den Ort zurück.

Wir sind allein, allein an einem herrlichen Maientag im wilden, unermesslichen Urwald
Kareliens. Es ist schwer zu sagen, was unser Herz bewegt. Wir denken an keine Flucht,
obwohl die finnische Grenze nur 100km entfernt ist. Wir würden am Wege liegen bleiben,
wie andere zuvor. Noch können wir uns solch kühnen Gedanken nicht hingeben. Wir schauen
zuerst nach den Gräbern unserer Breslauer Kameraden. Sie sind nicht zu finden, denn auf
den Birkenkreuzen ist nur eine Nummer eingebrannt. Nun, im Lager müssen diese Nummern
registriert sein, wir werden sie schon herausbekommen.

Wir machen uns an die Arbeit. Zwei Mann schleppen auf einer Holztrage frischen Sand herbei
und schütten die verfallenen Hügel auf. Zwei Mann beginnen die Wege zu säubern und die
Stubben zu roden, die noch störend im Boden stecken. Zwei Mann stechen im Wald Moospolster
ab, die wir um die Hügel, es sind immer 25 Gräber, legen. Nach einer Woche sind wir mit
den ersten Arbeiten fertig. Die Hügel liegen fein säuberlich ausgerichtet da, sind von
frischen Moospolstern eingefasst. An den vier Ecken haben wir junge Birken eingepflanzt.
Die Gräber unserer Breslauer Kameraden haben wir durch viel List erfahren. Alle paar Tage
legen wir unseren toten Kameraden frische Blumen auf die Gräber.

Nun geht es an den schwereren Teil der Arbeit. Im Wald werden schlanke Birkenstämme geschlagen
und auf der Schulter herangeschleppt. Bald stehen die Pfosten für den Zaun, und in der
Diagonalen werden die Birkenstämme in die Pfosten eingelassen. Auch ein Tor wird gezimmert;
wir entwickeln uns zu durchaus brauchbaren Zimmerleuten. Nach drei Wochen Arbeit ist der
Friedhof zu einem Schmuckplatz inmitten des karelischen Urwaldes geworden.

Da erscheint eines Morgens der Feldwebel, um unsere Arbeit zu besehen. Verwundert blickt
er sich um, grinst dann über das ganze Gesicht und ist voll des Lobes über unseren Fleiß.
"Oh, gutt, gutt, aufhörren!" Und dann gibt er jedem eine Papyrossi und setzt sich mitten
unter uns auf die Böschung des Waldweges.

Mit großem Wortschwall bedeutet er uns, dass in nächster Zeit der Gräberoffizier den Friedhof
in Augenschein nehmen werde und wir uns auch weiterhin anstrengen sollten, um auch dessen
Lob zu verdienen. Wir schaffen es, und auch der Gräberoffizier ist mit unserer Arbeit
zufrieden. Leider wird kurz darauf das Friedhofskommando aufgelöst, wir müssen wieder
hinter den Stacheldraht zurück.

Noch heute sehe ich am letzten Arbeitstag den Friedhof vor mir liegen. Ein geradezu
unnatürlicher Abendhimmel spannte sich über die einsame Landschaft, dessen zarte Farben
jedes Malerauge entzückt hätte. Freundlich und hell grüßte der Friedhof aus der von
Kiefern umstandenen Lichtung zu uns herüber. Wir nahmen Abschied von unseren toten
Kameraden, für immer. Die Birkenkreuze am Polarkreis - sie werden uns unvergessen bleiben.

   

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