Weg der wehenden Linden

Sie war eine kleine, etwas dickliche Frau, das Haar trug sie hochgesteckt, die
Die Uhr tickt hastig und unermüdlich, obwohl sie doch jetzt am Abend ein wenig
leiser, gemächlicher gehen könnte. Langsam schiebt sich der große Zeiger über
den kleinen Stundenzeiger: Es geht auf 10 Uhr. Die Frau legt ihre Näharbeiten
zusammen und unterdrückt ein Gähnen. "Ich bin müde", sagt sie, "ich bin um diese
Zeit immer todmüde." "Kein Wunder", sagt der Mann, "Du hast ja auch dein gutes
Tagwerk schon hinter dir."

"Wenn ich im Bett liege", sagt die Frau, "höre ich gerade noch, wenn du dich
hinlegst, und schon schlafe ich ein." Sie fragt den Mann nie, ob er auch gleich
einschläft. Sie weiß, dass er es nicht tut. Sie weiß, es wird in dieser Nacht
sein wie es in jeder Nacht ist.

Sie geht voran und liegt bald im Bett. Der Mann macht sich noch zu schaffen:
Er füllt seinen Tabakbeutel und steckt ihn mit der kurzen Pfeife in die
Jackentasche, er rückt die Stühle zurecht und löscht das Licht. Er sieht im
Flur nach, ob in der Tür nach draußen der Schlüssel steckt. Dann kommt er in
die Kammer. Die Frau tut, als ob sie die Augen nicht mehr offen halten könne
vor Müdigkeit. Der Mann geht zu ihr, stopft ihr die Decke in den Rücken und
wünscht ihr eine gute Nacht. "Schlaf nur schon", sagt er gedämpft. Dann stellt
er seine Schuhe sorgfältig nebeneinander vor das Bett und legt seinen Anzug
über den Stuhl. Die Frau kehrt ihm den Rücken zu, aber sie weiß genau, was er
tut: Er zieht sich nur halb aus, läßt sich schwer ins Bett fallen und klopft
Kissen und Decke zurecht wie zu einem guten Schlaf. Aber er schläft nicht.
Um elf Uhr steht der Mann leise wieder auf, zieht seinen Anzug an und schlüpft
in die Schuhe. Die Fensterläden werden jetzt nach dem Krieg nicht mehr geschlossen;
so steht von Mond und Sternen ein bleiches Licht hinter den Scheiben. Er hat
Klinke und Angeln der Tür gut geölt, so dass er sie lautlos öffnen und schließen
kann.

Dann tappt er durch den Flur und verlässt das Haus. Die Frau begleitet ihn in Gedanken.
Jetzt geht er den langen Weg entlang mit den wehenden Birken, deren helle Stämme
einen matten, tröstlichen Schein geben. Beim Erlenkrug biegt er nach links ein
und geht quer durch den Ort zum Bahnhof, der außerhalb liegt. Kurz vor zwölf Uhr
kommt der letzte Zug an, und auf diesen Zug wartet er.

Er wartet auf seinen Sohn, der in Russland verschollen ist. Der Mann weiß, dass
Deutsche in Russland gefangen gehalten werden, die nie eine Nachricht geben können.
Aber er hat von diesem und jenem gehört, der dennoch aus solchen Lagern zurückgekommen
ist. So könnte auch sein Sohn eines Tages wiederkehren. Er könnte morgen kommen in
kühler Frühe oder am hellen Mittag. Sie würden ihn schon von weitem sehen zwischen
den weißen Stämmen der Birken und ihm entgegengehen und winken und rufen. Danach
kommt nur noch ein Zug mitten in der Nacht. In der Dunkelheit aber kann ihn das
vertraute Gesicht der Heimat nicht grüßen und mit dem Zauber der Erinnerungen,
ihn, der noch erfüllt ist von den Bildern des Grauens und der fremden Erde. Darum
will der Vater ihn abholen. Er will dastehen in seiner Freude und die Freude sehen
in den Augen des Sohnes. Dann werden sie nebeneinander gehen durch die schweigende
Nacht, und im Gleichmaß ihrer Schritte wird das Glück der Heimkehrer schwingen.

Die Frau wartet nicht mehr darauf, dass der Sohn aus Russland zurückkehrt. An einem
Tag, als sie ihn noch lebend glaubte, hat sie eine ganz unsagbare Trauer gefühlt;
sie hat keinen Grund dafür gewusst, aber das Herz hat ihr wie ein todängstlicher
Vogel in der Brust geflattert, und sie hat gefühlt, dies alles hängt mit ihrem
Sohn zusammen. Und dann war noch ein anderer Tag, wo sie den Weg entlang ging
zwischen den Birken, die im ersten lichten Gold des Herbstes standen. Sie hat im
Gehen ihren Sohn neben sich gespürt; sie kann nicht sagen, an welcher Seite, aber
er war bei ihr. "Mutter", hat er gesagt, "Du mußt nicht unglücklich sein um
meinetwillen, das darfst du nicht. Es tut mir weh, dich traurig zu sehen. Denn
ich bin bei Dir - immer bin ich bei Dir."

Sie hat diese Worte nicht gehört, wie man sie von einem lebenden Menschen hört,
aber sie sind doch zu ihr gelangt. Sie waren in ihr. Sie hat gewartet und gelauscht,
ob sie noch mehr hören wird, aber dann ist nur mehr das Rauschen gewesen, das
Rauschen im Laub der Birken, und die Last der Trauer war von ihr genommen.

Sie hat niemand davon erzählt. Die Menschen wollen solche Geschichten nicht hören,
sie glauben und begreifen sie nicht. Aber sie weiß seitdem, dass ihr Sohn in
Russland gestorben, aber bei ihr ist. Sie kann es sich nicht erklären und nicht
deuten, aber sie weiß es. Sie hat auch ihrem Mann nichts davon gesagt. Sie bringt
es nicht fertig, ihm seine Hoffnung zu nehmen - die Hoffnung, die ihn durch jeden
Tag trägt und mit der er sich jede Nacht auf den Weg macht. Gegen ein Uhr wird sie
seine leisen Schritte hören. Wie ein Schatten huscht er durch die Kammer und sinkt
lautlos ins Bett. Die Frau hört ihn nicht mehr, er liegt abgewendet von ihr, sie
soll ihn nicht hören. Nur manchmal, wenn sie am Morgen sein Kissen in ihre Hände
nimmt, kann sie fühlen, dass er in der Nacht geweint hat. Aber auch darüber
sprechen sie nicht.

Nie wird sie ihm sagen mögen, dass er nicht mehr auf seinen Sohn warten, dass er
nicht mehr jede Nacht zum Bahnhof gehen soll. Er wird gehen, solange es deutsche
Gefangene in Russland gibt. Und er geht nicht als ein Vater für seinen Sohn: Er geht
für alle Väter von Söhnen, die noch heimkehren sollen aus fernen Landen. Er geht um
der Liebe willen, die nicht aufhören darf in der welt, und die ihre ewige Spur zieht
auch über den Weg der wehenden Birken.

   

zurück