Frau Hammer

Sie war eine keine, etwas dickliche Frau, das Haar trug sie hochgesteckt, die
Kleidung war eigentlich immer gleich, mehr oder weniger grau, so wie das Haar.
Sie war stets freundlich, besonders zu uns Kindern, doch lachen habe ich sie nie
gehört. Höchstens ein feines, beinahe nur angedeutetes Lächeln, das ihr Gesicht
verschönte, war erkennbar, wenn sie uns nach unserem Begehren fragte.

Sie war Kriegerwitwe aus dem Ersten Weltkrieg, hatte drei Buben, der Mann fiel 1918,
als der dritte Bub, der Kurt, noch nicht geboren war. Deshalb erhielt sie die Lizenz
zum Betreiben einer Tabak-Trafik. Nebenbei verkaufte sie auch Süßwaren, Zuckerln, Schokolade,
und so trat Frau Hammer auch in mein Leben ein. Ich war damals ein Kind, vielleicht fünf
bis sechs Jahre alt. Wir Kinder mochten, ja bewunderten sie, sie war stets gleichmäßig
"geduldig freundlich" zu uns, obwohl wir ja nicht gerade kaufkräftige Kunden waren. Denn
wenn wir beim Häckl- oder beim Eberl-Zuckerbäcker schon lange nichts mehr für unsere Kleinstmünzen
bekamen, gab es bei der Frau Hammer dafür doch noch was Süßes. Bei ihr bekam man schon für
10 Heller (ein Pfennig) ein Zuckerl, und hatte man nur 5 Heller auf die Theke gelegt, gabs
auch ein Zuckerl, vielleicht etwas klebriger als eines für 10 Heller, die Verdienstspanne
scheint da nicht allzu groß gewesen zu sein.

Höchste Anerkennung und Bewunderung empfanden wir aber für sie, weil sie die Mutter von Kurt
war. Der Hammer-Kurt, einige Jahre älter als wir, er fand unsere einhellige Bewunderung.
Bei Sportfesten heimste er die meisten Preise ein, er war eben der Schnellste, sprang am
höchsten, beim Skispringen im Winter war er der Mutigste und in der Fußballmannschaft
natürlich auch derjenige, der die meisten Tore schoss. Und als wir älter wurden und das
andere Geschlecht eine immer bedeutendere Rolle spielte, da erkannten wir, auch dort
war Kurt eine "Bank". Wir eiferten ihm immer nach. Den Krieg erlebten die drei
Hammer-Buben, der Sepp, der Luis und der Kurt, vom ersten Tag an als Soldaten. Die
Jahre vergingen, auch ich wurde 1941 Soldat und im Dezember 1944, anlässlich eines
Fronturlaubes, traf ich Kurt, er kam aus Russland. Die Nachrichten über die vielen
gefallenen Freunde und Bekannten, darunter auch Kurts ältester Bruder, dämpfte die
Wiedersehensfreude sehr. Frau Hammer weinte, als sie mich sah: "Der Sepp ist tot,
vom Luis habe ich schon seit Wochen keine Nachricht, die werden mir doch wenigstens
meinen Kurt lassen!" Nach der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft und der Vertreibung
aus der Heimat erfuhr ich auch vom weiteren Schicksal der Familie Hammer. Die
Todesnachricht von Luis kam im Januar 1945, Kurt fiel im Februar. Frau Hammer starb
kurz danach. Eine Familie wurde ausgelöscht.

Kriege sind auch heute noch die barbarischste, menschenunwürdigste Art der Klärung
strittiger Probleme zwischen den Völkern. In der einschlägigen Literatur, in welcher
der Krieg und das Sterben fürs Vaterland als süß und ehrenhaft bezeichnet wurde
(dulce et decorum est pro patria mori), oder von Clausewitz: "Der Krieg ist die
Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln", wird man wohl vergeblich nach einer
Autorin suchen. Die Frau tritt dann in Erscheinung, wenn das Heroische, das Kämpferische
zurücktritt und vom angerichteten unendlichen Leid, Elend und Unglück überschattet
wird. Zumeist erst nach Beendigung eines Krieges, ganz besonders nach einem verlorenen,
sieht, erkennt und bereut man (Mann), und im Angesicht des Unglücks, das man über sein
Volk gebracht hat, rückt die Frau immer näher in den Gesichtskreis männlicher Nabelschau.
Echtes Heldentum findet man dann nicht nur bei den Soldaten an der Front und schon gar
nicht bei den Generälen, sondern auch im namenlosen Heer der Frauen, die machtlos und
ungefragt, still und bescheiden ihre Bürde tragen.

   

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