Ein Anflug von Vernunft
(Erschienen in der Weihnachtsausgabe der TIMES, London 1954)

Es klingt wie ein Märchen, aber es soll sich wirklich am ersten Weihnachten des Ersten
Weltkrieges so zugetragen haben: Tommy (der deutsche Spitzname für die englischen Soldaten)
und Jerry (der englische Spitzname für den deutschen Soldaten) hörten auf sich zu beschießen,
trafen sich in der Mitte des Niemandslandes und spielten Fußball miteinander. Es war eine
spontane Sache, aber sie hat sich leider nie wiederholt und sie hat seinerzeit die
Oberkommandos in Bestürzung versetzt.

Während der Feiertage hat, inmitten von Blutbad, Schlamm, Stacheldraht und verfaulenden Leichen,
für einen kurzen Augenblick die Vernunft gesiegt. Den deutschen Truppen wurde im August bei
Ausbruch des Krieges versprochen, dass sie wieder zu Hause sein würden, noch bevor die Blätter
fallen, und den britischen, dass sie zu Hause Weihnachten daheim sein würden. Enttäuschung und
Heimweh machten sich in den grimmig kalten Gräber breit. Die schreckliche Realität eines
unerbitterlichen grausamen Krieges wurde immer deutlicher. Es gibt verschiedenen Versionen.
Aber eins ist zweifelsfrei: Auf den Feldern in der Nähe der belgischen Stadt Ypern trafen
sich die Soldaten der beiden Seiten und reichten einander die Hände.

In THE TIMES berichten Feldoffiziere: "Am Heiligabend war alles totenstill, sogar unser
lieber Scharfschütze, der normalerweise um viertel nach neun einen Gute-Nacht-Kuss rüberschickt.
Plötzlich kam jemand die Frontlinie entlanggelaufen und gab bekannt, dass ein Waffenstillstand
ausgebrochen war". Wie war das passiert? Nach einer bildhaften Darstellung in der
ILLUSTRATED LONDON NEWS ist ein deutscher Soldat mit einem Weihnachtsbaum zwischen den
Fronten marschiert: "Er lud die Truppen ein, herüberzukommen, eine zu rauchen und ein
Schwätzchen zu halten. Auf der Stelle wurde ein Waffenstillstand für diese Nacht geschlossen.
Freund und Feind waren damit beschäftigt, Weihnachtswünsche auszutauschen". Diese Geschichte
mag vielleicht journalistisch etwas übertrieben sein. Die authentische und anerkannte
Version lautet folgendermaßen: Die Fronten bei Ypern waren nur 25 Meter auseinander. Von
der deutschen Linie kamen die Klänge von "Stille Nacht, Heilige Nacht". Am Ende riefen die
Deutschen: "Komm Tommy, jetzt bist Du dran."

Die Briten antworteten zuerst mit "The First Nowell" und dann mit einem mitreißenden
"O Come All Ye Faithful" (Oh kommt all ihr Gläubigen). Die Deutschen folgten mit
"Adeste Fidelis". Die Soldaten von beiden Seiten kauerten in den Gräber eng beieinander,
um sich warm zu halten. Die Nordsee ist ur ein paar Kilometer entfernt, und der Wind bläst
in Ypern und Umgebung mit eisiger Kälte. Arktische Stürme fegen über den "Hügel 60" und
verbreiten hier, wo man sich 1914 traf, eine frostige Atmosphäre.

Mitten in diese trostlose Winternacht rief eine deutsche Stimme: "Komm Tommy, steh auf!"
Kein Brite wagte es, sich zu erheben. Überall lauerten Scharfschützen. Der Krieg war im
vollen Gange. Kein Waffenstillstand war für Weihnachten vereinbart worden.

Plötzlich entdeckten die britischen Soldaten die Umrisse eines Deutschen vor dem Winterhimmel.
Er näherte sich ihnen und sang "Stille Nacht". Langsam und mit verständlicher Vorsicht krochen
beide Seiten aus ihren Gräben. Die Gefühle schwangen hoch, als sich ein Haufen von Feinden
inmitten Granattrichtern versammelte.

Zu Beginn waren beide Seiten misstrauisch. Hatte sich da Jerry einen Trick ausgedacht? Doch
plötzlich wurde gelacht und gescherzt. Tommys alberten mit Jerrys Pickelhauben herum, und die
Fotos wurden geschossen von strengen Offizieren und Leuten, die nicht so recht wussten, wie
sie gucken sollten. Aber in den schroffen, schnauzbärtigen Gesichtern sah man auch ein Lächeln.
Die Augen schauten erleichtert und friedvoll drein. Ein junger Deutscher, der in Amerika
studiert hatte, hat übersetzt. Ein deutscher Leutnant bat einen britischen Major, seiner
Schwester in Liverpool ein Bild von ihm zu schicken.

Der unheimliche Waffenstillstand weitete sich auf ungefähr zwei Meilen entlang der Front aus.
Eine unwirkliche Atmosphäre hing über den windigen Feldern. Und ja, auch ein Fußballspiel
fand statt. Zuerst mit einer Dose und dann mit einem richtigen Ball. Jacken und Schals
dienten als Pfosten. Sachsen schlugen die Angelsachsen 3:2. Die Toten beider Seiten wurden
beerdigt, wobei Feldkaplane beider Länder beim Begräbnis assistierten. Man einigte sich
hier sogar auf folgende Regelung: "Wenn durch irgendeinen unglücklichen Zufall ein Schuß
fällt, so sollte das nicht als Kriegserklärung aufgefasst und eine Entschuldigung akzeptiert
werden. Ohne beidseitige vorherige Warnung würde nicht wieder mit dem Schiessen begonnen".
In einzelnen Abschnitten dauerte der Waffenstillstand bis zum neuen Jahr. Als die leichte
Infanterie der Highlanders ganz ernsthaft das Neue Jahr feiern wollte, hat ein Deutscher
seinen Kopf in ihren Unterstand gesteckt und allen einen frohen Tag gewünscht.
"Wir haben ihm mit einem großem Gelächter klar gemacht, dass wir im Krieg gegen ihn waren
und dass er schon mitspielen und so tun muß, als ob er kämpft."

Aber die Oberkommandos waren wütend. Die britische Offensive stützte sich auf den Glauben,
dass die Hunnen (die Deutschen) teuflische Ungeheuer waren. Wenn der einfache britische
Soldat daran zu zweifeln begann, würde er unweigerlich den Willen zum Kämpfen und Töten
verlieren. Aus einem Brief eines Unterleutnants an seine Mutter in Birmingham wird das
deutlich: "Wir waren überrascht, dass die Deutschen ziemlich lustige Typen sind. Es ist
verrückt gegen sie zu kämpfen."

Jegliche weitere Verbrüderungen wurden jedoch untersagt. Im nächsten Jahr haben zwei
britische Offiziere versucht, das Ganze zu wiederholen. Sie wurden vor ein Kriegsgericht
gestellt. Heute ist der Waffenstillstand von Weihnachten 1914 eine der wenigen positiven
Erinnerungen an diesen Krieg. Eine Insel der Vernunft inmitten eines Meeres von Abschlachten
und Verzweiflung.

Merkwürdigerweise haben die Zeitungen damals in einem erstaunlich kühlen Ton über die Ereignisse
berichtet. Die TIMES brachte ungefähr ein halbes Dutzend Berichte über die Friedenssehnsucht
bei Ypern, neben den fürchterlichen Todeslisten, eine Anzeige zum Schlussverkauf bei Herrods
(Korsetts für 13 Schillinge und 9 Pence) und einer ganzseitigen Horlicks Anzeige
(Getränk für Kinder und Schwangere, für 1 Schilling und 6 Pence).

Aber das Weihnachten 1914 bei Ypern erregte das Mitgefühl des einfachen Mannes. In all den
Wirren des Krieges und zwischen allen Todesschrecken erwies sich die Menschlichkeit als
unbesiegbar. Hätten doch nur die Oberkommandos auf Tommy und Jerry gehört! Die Geschichte
des 20.Jahrhunderts wäre vielleicht ganz anders verlaufen.

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