Die Begegnung

In der deutschen Armee, die 1914 in den Weltkrieg zog, waren Jägerbataillone Elite-Einheiten,
die im Unterschied zu allen anderen Truppengattungen grüne Uniformen trugen. Die Regimenter
"Jäger zu Pferde" waren noch viel mehr als eine Elite der alten Armee. Ihre Offiziere gehörten
fast ausnahmslos dem Adel an. Eine der Ausnahmen war ein junger Leutnant vom Regiment Nr. 5,
das in Mühlhausen im Elsass in Garnison lag. Er war nicht adelig, er hieß schlicht und
einfach Mayer.

Brustbild von Leutnant Mayer

Zu diesen Jägern zu Pferde trat ich in Beziehung, als August D. aus meinem Heimatort bei ihnen
seinen Militärdienst ableistete und sich oft als ehemals als schmucker Reitersmann präsentierte.
Von diesem Soldaten war ich sehr beeindruckt.

Natürlich kam es anders. In den Hamburger Nachrichten, die ich damals hielt berichtete man in
einem Artikel zum Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges, dass die 5. Jäger zu Pferde
damals die erste Feindberührung und auch den ersten Gefallenen gehabt hatten, den Leutnant Mayer.
Ich erinnerte mich wieder an August D. und nahm mir vor, ihm später, wenn ich wieder daheim wäre,
zu berichten, dass ich von seinem Regiment gelesen hätte.

Es dauerte viele Jahre, bis ich August D. wiedersah. An einem Winterabend saßen wir im Gasthaus
am warmen Ofen und redeten. Da kam mir jener Zeitungsartikel wieder in Erinnerung und es wurde
noch ein lebhafter Abend. "Du warst doch bei den 5. Jägern in Mühlhausen." "Jawoll".

"Und ich bin mit ihnen in den Krieg geritten, vom Kasernenhof weg und direkt in den Krieg",
"Ihr hattet doch einen Leutnant Mayer im Regiment. Hast du ihn gekannt?" Mit großen Augen sah
er mich an. "Gekannt? Der war in meiner Schwadron."

"Und ist am 2. August 1914 gefallen, noch bevor der Krieg überhaupt angefangen hatte. Weißt du
Näheres darüber?" Er rückte nervös auf seinem Stuhl. "Ob ich Näheres darüber weiß? Ich bin dabei
gewesen! Es war noch kein Kriegszustand mit Frankreich, da wurden wir zu einem Erkundungsritt
eingesetzt. Leutnant Mayer führte. Wir ritten querfeldein auf Belfort zu. Die Bauern waren
mit der Ernte beschäftigt und winkten uns von ferne freundlich zu. Aber dann stießen wir
plötzlich auf eine französische Feldwache. Die waren so verblüfft, dass sie erst gar nicht
ans Schießen dachten. Aber dann schossen sie doch, und Leutnant Mayer fiel im vollen Galopp
vom Pferd. Das war der erste Tote im Ersten Weltkrieg. Sein Pferd lief mit uns. Wir haben es
eingefangen und bei der Schwadron abgeliefert. Aber wie kommst du auf diese Geschichte
und auf Leutnant Mayer?"

Die Geschichte von Leutnant Mayer war für mich damit aber noch nicht abgeschlossen. Die
Geschichte von Leutnant Mayer war für mich damit aber noch nicht abgeschlossen. Wieder
waren viele Jahre vergangen. Da erlebte ich im Heimatmuseum der Stadt Enger eine Überraschung.
Dort befand sich unter den Bildern an den Wänden auch das Brustbild eines jungen Offiziers
in der Uniform aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg:
"Albert Mayer, Leutnant in der 3. Schwadron des Regiments Jäger zu Pferde Nr. 5 in
Mühlhausen im Elsass, geboren am 24. April 1892 in Magdeburg, erschossen von einer
französischen Feldwache am 2. August 1914 bei Joncherie östlich Belfort und begraben auf
dem Friedhof Illfurth im Elsass." Ich war in Illfurth und suchte den Friedhof ab nach dem
Grab des Leutnants Mayer und fand es nicht. Ich befragte den Friedhofswärter, aber er
schüttelte den Kopf: "Der liegt hier nicht!" Aber als ich den Friedhof schon verlassen hatte,
kam er nach: "Warum suchen sie das Grab nicht auf dem deutschen Soldatenfriedhof, dahin sind
doch alle Gefallenen umgebettet worden!"

Deutscher Soldatenfriedhof in Illfurth! Hier liegt die Lösung des Rätsels. Auf dem Weg zum Friedhof
hinauf, raschelte erstes Herbstlaub im Winde und deutete hin auf Tod und Verderben. Und immer
freier wird der Blick über das Elsass bis weit in die Vogesen. Der Friedhof ist eine große
Rasenfläche an leichtem Hang. Je zwei Gefallene haben eine in den Rasen eingelegte Steinplatte:
Name, Dienstgrad, Geburts- und Todestag. Nur einer hat eine Grabplatte für sich allein und einen
Platz mitten auf dem Friedhof und neben einem Denkmal mit einem großen Beet Astern -
den einzigen Blumen dieses Friedhofs. Es ist das Grab, das ich suchte.
Es hat zum Namen, Dienstgrad und Todestag noch den Zusatz:
"Der erste Gefallene im Ersten Weltkrieg".

Grabplatte von Leutnant Mayer

   

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