Der 7. Sinn


Früher belächelte ich ältere Leute, wenn sie von ihren Tagträumen erzählten. Ich tue das
nicht mehr.Seitdem ich nämlich weiß, dass es in unserem Leben tatsächlich Ereignisse
gibt, von denen die Betroffenen nicht mehr loskommen. Darum sei hier eine Begebenheit
berichtet, die nun schon mehr als ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Die Welt blutete
damals im Ersten Weltkrieg. Mein ältester Bruder Kurt, Jahrgang 1899, stand seit
April 1918 in Frankreich.

Noch heute erinnere ich mich an seines letzten Kurzurlaubs vor dem Abrücken "ins Feld",
wie es seinerzeit hieß. Es sollte ein Abschied für immer sein. Nagelneu waren Uniform,
Mütze, Koppel, Stiefel, Tornister und selbst die "Knarre". Im Koppel steckte ein
kleiner Strauß weißer Gartennelken -- der Abschiedsgruß seiner Freundin. "Totenblumen",
meinte später meine Mutter.

Anfangs schrieb Kurt oft. Seine Kompanie lag, wie er auf einer Feldpostkarte andeutete,
noch ein gutes Stück weg von der Front. Fleißig schrieben Mutter und ich zurück.
Schickten auch Zeitschriften und Päckchen, deren Inhalt wir uns vom Munde absparten.

Wochen und Monate vergingen. Jetzt stand auch er an vorderster Front. Immer seltener
wurde seine Post. Heeres- und Zeitungsberichte sprachen davon, dass
"schwere Abwehrkämpfe" tobten, und immer öfter hieß es, dass unsere Linien
"zurückgenommen" werden mußten. Inniger als sonst faltete Mutter allabendlich vor
dem Einschlafen die Hände und betete um Schutz für ihren Ältesten. Manchen Morgen
hatte sie rotgeweinte Augen.

Das Kalenderblatt zeigte den 8. August 1918. Vor einer Woche war die Welt in das fünfte
Kriegsjahr hineingetaumelt. Seit Tagen schien die Sonne unerträglich heiß. Das rechte
Erntewetter für die Landwirtschaft. Wir wohnten draußen am Rande der Großstadt, wo sich
weite Getreide-, Kartoffel- und Rübenfelder erstreckten. Ich war noch Schüler damals
-- Jahrgang 1902 -- und hatte große Ferien. Fast jeden Tag ging ich mit Mutter zum
"Ährenlesen". reichten doch die auf Karten bemessenen kargen Lebensmittelrationen mit
weit. Gern nahmen daher viele Großstädter und ihre Kinder die Gelegenheit einer
Aufbesserung der Ernährung wahr.

Auch an diesem 8. August 1918 standen Mutter und ich, voneinander getrennt, auf einem
abgeernteten Weizenfeld, um die zwischen den Stoppeln herumliegenden einzelnen Ähren
aufzulesen. Plötzlich sah ich Mutter auf mich zukommen. Es war halb fünf am Nachmittag.
Mein Gott, wie sah Mutter aus! Ihre Stirn war von Schweiß bedeckt, das Gesicht
kreidebleich, und sie zitterte am ganzen Körper. Ich erschrak zutiefst. Bevor ich
fragen konnte, was ihr fehle, griff sie mich am Handgelenk und schaute mich mit
Tränen verschleierten Augen an.

"Junge, eben hat Kurt gerufen. zweimal hat er Mutter, Mutter gerufen. Paß auf,
ihm ist etwas zugestoßen. Der kommt nicht wieder."

Ich war sprachlos und versuchte dann Mutter zu beruhigen. Doch das blieb vergebliche
Mühe. Sie ließ sich nicht ausreden, dass Kurt etwas zugestoßen sei. In den nächsten
Tagen keine Post. Ungewissheit, quälendes Warten und die Hoffnung, dass alles zum
Guten werden würde.

Am Spätvormittag des 15. August klingelte es an der Wohnungstür. Schneller als ich
war Mutter an der Wohnungstür und öffnete. Draußen stand die Postbotin. Eine junge,
freundliche, doch in sich gekehrte Frau, deren Mann bereits 1916 in den Anfangskämpfen
bei Verdun gefallen war. Leise sprachen die Frauen miteinander. Doch ich konnte nichts
verstehen. Dann fiel die Tür polternd ins Schloß. Unheimliche Stille, in die ich gespannt
horchte. Schließlich ein dumpfer Fall.

Rasch stürzte ich aus dem Zimmer. Mit geschlossenen Augen lag Mutter lang ausgestreckt
im Flur. Ihre rechte Hand hielt einen Brief umklammert. Angst zwang mich in die Knie.
Einen Augenblick war ich ratlos, was zu tun sei, und löste schließlich ganz behutsam
den Brief aus Mutters Hand. Ungelesen steckte ich ihn in die Seitentasche meiner Jacke.
Dann stand ich wieder auf und holte mehr verängstigt als beherzt die Nachbarin zu Hilfe.
Gemeinsam brachten wir Mutter zu Bett. Die Nachbarin zog die Vorhänge zu, strich mir
über den Kopf und sagte, wenn sie gebraucht würde, solle ich nur läuten. Auch sie hatte
ihren Mann und ihren einzigen Sohn verloren. Ihr Mann fiel am 31. Dezember 1914 in
Russland, der Sohn 1916 in der Roten-Turm-Schlacht in Rumänien. Nun stand sie ganz
allein und arbeitete in der Nachtschicht bei einer großen Gießerei. Leise tastete sie
sich aus dem Zimmer und ließ mich allein.

Mutter schlief ganz fest, und nach einer Weile schlich ich auf Zehenspitzen hinaus.

Erschöpft sank ich auf den Polsterstuhl am Fenster. Dann fiel mir der Brief ein. Ich
langte nach der Seitentasche der Jacke, wendete und betrachtete ihn von allen Seiten.
Es war ein Feldpostbrief mit fremden Schriftzügen. Noch ehe ich ihn entfaltete und
las, erriet ich seinen Inhalt: " …am 18. August 1918, halb fünf Uhr nachmittags, fiel
im schweren Abwehrkampf um Beauvais." Ich wusste genug. Armer Bruder, arme Mutter.

Wie Blei so schwer lag mir der Brief in den Händen. Ich stand auf und legte das
Unglücksschreiben in den Briefhalter, der auf der Kredenz stand. Dann griff ich aus
dem Bücherregal den Großen Weltatlas und suchte auf der Frankreichkarte den Ort
Beauvais. Bald hatte ich ihn gefunden, ohne mir jedoch etwas darunter vorstellen zu
können. Behutsam klappte ich den Atlas wieder zu und stellte ihn an seinen Platz.
Plötzlich stand das Bild auf dem Weizenacker beim Ährenlesen wieder vor mir:
8. August 1918. waren das nicht Tag und Stunde, da Mutter auf mich zukam und
sagte: "Eben hat Kurt gerufen. Zweimal rief er Mutter, Mutter". So hatte Mutter
also doch Recht gehabt.

Inzwischen sind mehr als 50 Jahre vergangen. Längst ist ihm auch Mutter gefolgt
in die Ewigkeit. Ihr Wunsch, das ferne Grab ihres Ältesten ermitteln und besuchen
zu können, blieb unerfüllt. Kürzlich habe ich beim Volksbund nach dem Grab meines
Bruders gefragt. Ohne große Hoffnung auf eine positive Mitteilung. Um so überraschter
und voll großer Dankbarkeit war ich für die Nachricht, dass mein Bruder gemeinsam mit
13.200 Gefallenen im Kameradengrab des deutschen Soldatenfriedhofes Vermandovillers
im Departement Somme seine letzte Ruhestätte hat. Für mich war es beruhigend, nun
endlich zu erfahren, welcher der fast 200 deutschen Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten
Weltkrieg in Frankreich das Grab meines Bruders birgt. Es betrübt mich, dass es
Mutter nicht erfuhr. Es hätte ihr Leid zumindest gelindert.

Nun werde ich allein nach Frankreich reisen, nach Vermandovillers, zu der Grabstätte,
wo unter Tausenden von Namen auch der Name meines Bruders steht.

   

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