Ein Bunker

Bunker - darunter versteht man in der Schifffahrt einen Lagerraum für Schüttgut, wie Kohlen,
Kies, Sand oder dergleichen. Auch Öl wird gebunkert. Dann aber kam das Zeitalter der
Massenkriege, und der Begriff "Bunker" erhielt eine ganz andere Bedeutung. Nach den
ersten Wochen des ungestümen Vormarsches im Sommer 1914 erstarrte das Kriegsgeschehen
zum Stellungskrieg. Der Infanterist suchte Schutz und Deckung - zunächst in flachen,
später in tiefen Gräben. Dann wurden Unterstände angelegt, die, mit Balken oder
Baumstämmen sowie einer Erdaufschüttung abgedeckt, gegen Granatsplitter, Schrapnellkugeln
und Regen Schutz bieten sollten.

Dagegen setzte man bald Minenwerfer ein, deren schwere Geschosse in steilem Bogen die Deckungen
zerschlugen. Auch Steilfeuergeschütze wurden in zunehmender Zahl eingesetzt, deren Geschosse
geeignet waren, mehrere Meter dicke Erdabdeckungen zu zerschlagen und die Mannschaften in den
Unterständen und Stollen zu verschütten. In dieser Situation entsann man sich des Betons.

Sie waren am Anfang tatsächlich nur betonierte Unterstände für Stäbe, Telefonvermittlungen
oder Ersatzreserven. In Flandern sind sie heute noch hier und da zu sehen. Seltener waren
Bunker an der übrigen ehemaligen Westfront anzutreffen. Einer liegt inmitten eines der größten
Gräberfelder in Frankreich, in Neuville-St. Vaast bei Arras. Oft habe ich vor ihm gestanden und
darüber nachgedacht, wann er wohl erbaut worden ist. Wer mag ihn errichtet und benutzt haben?

Nach seinem Äußeren kann er wohl kaum größere Gruppen von Soldaten aufgenommen haben. Vielleicht
war hier ein Kampftruppenkommandeur stationiert mit einem Adjutanten und einigen Fernmeldern.
Oder war es gar der gegen Beschuss durch Beton geschützte Eingang zu einem der vielen in dieser
Gegend tief unter der Erdoberfläche angelegten Stollen? Dort, wo heuet der deutsche
Soldatenfriedhof liegt, war ab September 1914 Kampfgebiet. Nur wenigen 100 Meter westlich verlief
die vorderste Front. Anfang Mai 1915 begannen die Franzosen einen großangelegten Angriff,
nachdem sie mit dem ersten "Trommelfeuer" des Ersten Weltkrieges, bei dem sie mehr als 350.000
Granaten verschossen, die deutschen Stellungen erschüttert zu haben glaubten. Dennoch wurde es
im Sommer, bis der deutsche Widerstand in den Ruinen von Neuville-St. Vaast einige 100 Meter
ostwärts erlosch. Mehr und mehr spielte sich der Krieg unter der Erde ab. Bergleute gruben
Stollen unter den Stellungen des Gegners, Pioniere luden sie mit Sprengstoff. Irgendwann
öffnete sich die Erde, eine gewaltige Explosion fegte alles hinweg. Es blieben Trichter von
immensen Ausmaßen, um deren Besitz sofort wieder neue Kämpfe losbrachen.

An anderer Stelle gruben Bergleute durch den weichen Kreidestock, mehr als 10 Meter tief und
oft mehrere Kilometer lang, um den gedeckten An- und Abmarsch der Stellungstruppen aus den
vordersten Gräben zu ermöglichen. Die Achillesferse blieben immer die Eingänge, die durch
unglückliche Treffer verschüttet werden konnten. An der Vimy-Höhe, unweit unseres Friedhofes,
kann man einen Teil dieses Gängesystems, das gelegentlich sogar unter den gegnerischen Stellungen
hindurchführte, besichtigen. Mit Ende des Krieges blieb eine Mondlandschaft, in der kein Haus
mehr stand und kein Baum mehr wuchs. Einen Teil zäunten 1919 Arbeiter der französischen
Militärverwaltung ein. Er wurde planiert und zum deutschen Soldatenfriedhof deklariert.
Hier wollte man fast alle deutschen Gefallenen aus den Kampfgebieten um Arras zur letzten
Ruhe betten. Mehr als 44.000 wurden es, die nun in langen Reihen unter schwarzen Holzkreuzen
in einer Kreidewüste liegen.

Der Volksbund bemühte sich in den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg, diese Öde durch Pflanzungen
von Lavendel auf den Grabbeeten und von Bäumen etwas zu mildern. Es sollte dann noch ein Krieg über
diesen Friedhof hinweggehen, bis schließlich 1959 ein internationales Jugendlager im Auftrag des
Volksbundes mit der Begrünung begann, bis in den siebziger und achtziger Jahren Soldaten der
Bundeswehr und bayrische Jungendliche die Fundamente für die neuen Metallgrabzeichen setzen und
einen Wall um das Gelände ziehen konnten. Amerikanische Soldaten halfen.

In all den Jahren habe ich nachdenkliche junge Menschen auch immer wieder an dem kleinen Bunker
zwischen den Gräberreihen stehen sehen. Unbeantwortet mußten all ihre Fragen bleiben: Wer, wann,
wozu? Sie wussten wohl nur eines: Dieses sollte es nie wieder geben, dass sich Menschen in die
Erde hineinwühlen müssen, um Schutz vor der Kriegmaschinerie zu finden.

Das Kreuz, das französische Veteranen zum Abschluss des internationalen Jugendlagers 1961 aus der
Kirche von Neuville-St. Vaast zum Friedhof als Zeichen der Versöhnung brachten und dessen
Nachbildung heute neben dem Eingang zu dem riesigen Totenfeld befestigt ist, gibt uns die Wegweisung:
Friede allen Menschen, die guten Willens sind.

   

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