Mutter Jedermann


Ihr Haar ist grau und strähnig und schlicht zum Knoten gebunden, an der Schläfe ist es bereits weiß.
Über dem dunklen Rock trägt sie einen Pullover, der gestopft ist, und darüber eine gestreifte Schürze.
Die Hände sind hart und verarbeitet, in das Gesicht tiefe Falten eingegraben. In den Abendstunden
strickt sie Strümpfe, tagsüber arbeitet sie in der Küche, reinigt die Treppe, wäscht und kocht das
einfache Mahl. Zwischendurch steht sie Schlange oder rechnet in "Lebensmittelkarte" und "Reichsmark".
Wenn die Zeitung kommt oder gar ein Brief von der ront, nimmt sie die Gläser mit der Stahlumrandung,
sitzt am Küchentisch unter der Glaslampe und buchstabiert ... und buchstabiert ...! Mutter Jeder-
mann liest jedes Wort und zum Schluß der Ordnung halber noch einmal, damit sie es nicht vergisst

Drei Söhne verhalf sie zum Leben. Zuerst begleitete ihre Liebe die drei Jungen als ABC-Schützen in
die Anfängerklasse und später in die Schule des Lebens. Es wurden prächtige Kerle, an der Hobel-
bank, hinter dem Kassenschalter und auf dem Kasernenhof. Mutter Jedermann arbeitete in der Web-
fabrik. Dann kam der Krieg. Die zwei Jungen zogen den grauen Rock an, den der Jüngste schon drei
Jahre trug. Zwischen der Front und dem Häuschen in Hannover gingen viele Briefe hin und her.
Mutter Jedermann las sie dem Vater laut vor, und dann sprachen die beiden bis in die späten Nacht-
stunden davon.

Weihnachten 1941 sahen sich in froher Gemeinschaft die fünf Jedermanns zum letzten Mal. Und wenn
es Zufälle im Leben gibt, so war dies einer. Georg kam aus Kiew, Erich aus Dänemark, der Älteste
aus Jüterborg und der Vater von seiner Stelle als Portier in der Waggonfabrik.

Im März des nächsten Jahres lag aus dem Feldlazarett an der Ostfront auf dem Küchentisch ein
Schreiben vom Gefreiten Jedermann, der mit Vornamen Erich hieß. Darin stand, dass es nicht
sei und daß der Arzt gemeint hatte: "In ein paar Wochen ist alles vorbei und wieder in Ordnung.

"Nun," sagte sich Mutter Jedermann, "Ärzte meinen immer", packte ein paar Äpfel und selbstge-
backene Plätzchen in ein Päckchen, legte noch ein Schneeglöckchen dazu und sandte es in die Ferne,
die für sie Rußland war. Drei Wochen später schrieb eine fremde Hand, das Päckchen sein ange-
kommen, aber Erich habe seinen Inhalt nicht mehr essen können, denn er sei am ... Es ist immer
der gleiche Text, der in solchen Briefen steht, aber für die Mutter aus dem Häuschen in
Hannover waren es neue Worte. "Vorbei, ja", sagte Mutter Jedermann für sich, "aber in Ordnung
ganz bestimmt nicht." An diesem Abend hat die hagere Frau alle Briefe ihres toten Sohnes zusammen-
geholt, der Reihe nach gelesen, bis ihr die Augen rot wurden, und die zwei Duzend Blätter immer
wieder glatt- und glattgestrichen, danach mit einem Bändchen umwickelt und zu den Schul-
zeugnissen gelegt, die neben der Leinenwäsche in der obersten Schublade der Kommode lagen. "Vater",
sagte sie dann, "es steht darin geschrieben, dass es für Grossdeutschland ist. Und darum ist es
sicherlich notwendig, dass der liebe Gott auch von uns so ein Opfer fordert."

Bevor sich die Mutter am Abend zur Ruhe legte, stand sie noch lange vor den Bildern ihrer Jungen,
die im Sonntagszimmer an der Wand hingen, vor dem vertrockneten Kranz, der einstmals dem Sieger
im 100-Meter-Lauf überreicht wurde, dem Gesellenbrief, der einem guten Tischler Zeugnis war,
und dem Fahrtenmesser der Hitler-Jugend, das umwunden war von einer grün-weissen Kordel.

Bevor von den Bäumen die Blätter gefallen waren, akm im Oktober 1942 eine kurze Mitteilung vom
Flotollenkommandanten, dass U X von Feindfahrt nicht zurückgekehrt sei und sich unter den
Vermissten leider auch Georg Jedermann befände. "Es besteht die Möglichkeit, dass der Ober-
matrose Jedermann in Gefangenschaft geraten sei", hiess es dann im Nachsatz. Am Sonntag darauf
banden die Mutterhände Briefe, Karten und Bilder, die sonst von See kamen, in ein breites
grünes Band und legten sie in den Schrank, wo die Tassen mit den goldenen Rändern standen,
und nicht in die oberste Schublade. Die Tage vergingen, und in das Gesicht der Mutter schrieb
die Not des Herzens ihre unvergänglichen Zeichen.

Einen Monat später steckte Mutter Jedermann den Brief mit der Todeserklärung in das Päckchen,
in dem schon Briefe, Karten und Bilder lagen, nahm das breite grüne Band ab und umwand alles
mit der gleichen Schleife, die schon die letzten Dinge von Erich umschloss. Dann sass sie den
ganzen Tag mit gefalteten Händen auf dem Sofa und blickte mit teilnahmslosen Augen vor aich
hin. "Nun haben wir noch den Letzten und Gott wird ein Einsehen haben", sagte sie nachher
zum Vater. Er lag noch wach im Bett und starrte mit grossen Augen auf das Pendel der Uhr,
das rastlos nach links und rechts ausschlug.

Sie möge einen Antrag stellen, riet man Mutter Jedermann, den dritten Jungen von der Front
zurückzuziehen. Es gäbe eine Bestimmung, die das ermögliche. Hans aber war anderer Ansicht
und schrieb sofort zurück, ob sie ihn denn vor den Kameraden blamieren wolle. Es ginge
nicht an, dass er heimkäme, und jetzt schon gar nicht. Mit dem Brief unter dem Kopkissen
lag die leidgeprüfte Frau die ganze Nacht hindurch, die ihre schwerste war. Das Herz
befahl, den Jungen heimzuholen, der Verstand sagte, er ist Soldat. Als das erste fahle
licht den neuen Tag anzeigte, hatte der Verstand gesiegt.

Im Kmapfraum um Bjelgorod ist Hans am 10. Juni gefallen. Der Hauptmann schrieb es im
Juli. Un din den Anfangstagen im Augustbuchstabierten zwei graue Augen durch die Stahl-
brille jedes Wort; es waren genau sechsundzwanzig. Das Gesicht von Mutter Jedermann
sah unsagbar alt und eingefallen aus. Das letzte, was an dem Abend geschah, war das
Zusammenlegen der drei Päckchen mit den letzten Dingen, die an drei Söhne erinnerten.
Danach frasen die Flammen des Küchenherdes Briefe, Karten, Schleifen und Bänder. Wozu,
sagten sich die Alten, diese Dinge noch aufheben. Die Jungen sind tot, die Verwandtschaft
kennt ihre Gesichter, und fremde Leute gehen sie nichts an. Mutter Jedermann und ihr
Lebensgefährte machten die Rechnung, und sie tataen es voll Würde und ohne zu weinen.
Wenigstens konnte man es nicht sehen.

Am Montagmorgen stand Vater Jedermann nicht auf. "Sie müssen nun sehen, wie sie ohne mich
auskommen", war alles, was er dazu sagte. Es klang wie etwas Endgültiges. Mutter Jeder-
mann ging um acht Uhr einen Weg, den sie früher 23 Jahre lang gegangen war. Sie klopfte
an die Tür im Hochparterre, an der mit Silberbuchstaben "Personalchef" stand.

Am Dienstagmorgen, pünktlich um sieben Uhr, stand sie im Werk am webstuhl 29, die Mutter
ohne Kinder, genau wie vor drei Duzend Jahren, 61 Jahre alt, das Haar grau und strähnig,
zum schlichten Knoten gebunden, die Hände hart und verarbeitet und das Gesicht voller
Falten, von denen jede eine Episode aus ihrem Leben war.

Der Dienstagabend war ein Abendschluss wie tausend andere es sind. Aber für die beiden
Menschen, die das Schiksal von der Familie übrig liess, war er gleichzeitig die Nacht
ihres Lebens. Als sie zum Feierabend nach Hause kam, lag ihr Mann so wie am Morgen im
Bett, die Augen geöffnet, aber voll seltsamer Starrheit auf die Uhr gerichtet, die Hände
über dem Deckbett gefaltet und das Gesicht ohne Blut. Das Herz hatte aufgehört, dem alten
Mann weh zu tun. Es gab die Möglichkeiten, weiterzumachen oder aufzuhören. Mutter
Jedermann wählte die schwerste, sie blieb am Leben. Und es war wohl so in Ordnung, dass
der Direktor des werkes, als er der einsamen Mutter begegnete, auf die Seite trat und den
Hut abnahm. es gibt viele Mütter Jedermann unter uns, aber wir sehen sie nicht. In einer
Bombennacht ist auch das Haus hinter der Blechfabrik zerstört worden, mit der Küche und
der guten Stube, dem Gesellenzeugnis, dem Siegerkranz und dem Fahrtenmesser der Hitler-
Jungend - und mit Mutter Jedermann

   

zurück