Bruder
(von Daniel Friedrich von www.gefaehrte.de )

Tagelang irrten wir durch die weiße Wüste. Seit unserer Flucht aus dem Kessel hatten
wir außer ein paar verrotteter Pferdekadaver nichts lebendiges mehr gesehen.
Unsere Schuhe glichen Lumpen und konnten nicht mehr verbergen, daß unsere Füße
erfrieren würden so wie wohl auch der Rest unserer gezeichneten Körper. Ob
Feldmarschall Paulus nach unserer Gruppe suchen lassen würde? Wir glaubten nicht
so recht daran im Kessel war genug anderes zu tun.

Wir hielten uns an die Eisenbahnschienen, die uns vor Monaten herbrachten. Von den
lang ersehnten Nachschubtruppen war weit und breit nichts zu sehen und allmählich
kamen uns Zweifel, ob unser ach so geliebter Führer tatsächlich Recht behalten sollte
mit seinem Versprechen des großen deutschen Reiches.

Weitere Tage vergingen und die Kälte machte uns schwer zu schaffen. Eigentlich hatten
wir den besten und auch fast wärmsten Zeitpunkt des ewigen Winters gewählt trotz alledem
wir waren am Ende unserer Kräfte. Paul, einer aus unserer Gruppe, konnte fast nicht
mehr laufen und wenn es noch ein paar Tage so weiter gehen würde, geht Paul wohl zu Grunde.

Egal wir waren guten Mutes, irgendwann doch noch herauszukommen alles, ja alles,
würde besser sein, als hätten wir den Kessel zu unserer weiteren Heimat gemacht.
Das Essen war knapp geworden in der letzten Zeit und die dringend benötigten Güter
kamen nur noch vereinzelt an. Schon da zweifelten wir an den Parolen des Führers.
Betrogen worden sind wir, so kam es uns in den Sinn. Wir waren die vergessenen Opfer
eines wahnwitzigen Planes in einem noch sinnloseren Krieg. Aber all das wurde uns erst
dort bewußt. Im Kessel mußten wir Greise, Frauen und Kinder hinrichten.

Ein alter Mann kniete vor mir und flehte mich an, doch würde ich meinen Befehl nicht
ausführen, dann würde es mir bald nicht anders ergehen als dem alten Mann und ich wäre
an seiner Stelle. Ich zögerte, aber ich schoß und der Alte fiel vornüber in den Schnee,
der sich blutrot färbte bevor man den leblosen Körper in eines der Massengräber warf.

Ich konnte und wollte nicht mehr aber ich mußte!

Nach den Monaten, die ich mit meinen Kameraden in Stalingrad verbrachte, fassten wir
schließlich zu siebt den Plan zu flüchten. Auf Fahnenflucht stand der Tod durch Erhängen,
denn dies war die Methode, die in unserer Heimat am Niederträchtigsten war, denn man hatte
sich vom Reich abgewendet doch daß nahmen wir in Kauf. Der Kessel wurde von Tag zu Tag
enger und schon bald würden die Russen wohl durch unsere Linien durchbrechen können, wenn
nicht noch ein Wunder geschehen würde. Von der einst stolzen sechsten Armee blieb nicht
mehr als ein rüder Haufen der nicht mehr für sein Vaterland kämpfte sondern schon lange
um das eigene Überleben. Es wurde verboten sich zu ergeben und so stand auf unserer Stirn
das Zeichen des sicheren Todes. Wir mußten dort weg.

An einem Montag schlichen wir uns zu dem Hangar, über den Verletzte ausgeflogen werden sollten
von dort führte ein kleiner Pfad raus durch die Stadt in das ewige Weiß und hier standen
wir dann. Unser Proviant, der nur auf einige Päckchen Zwieback reduziert war, ging schnell
dem Ende zu und einen der Hasen auf freiem Feld wollten wir nicht schießen, schließlich
konnte man nicht wissen, wie weit der Schuß aus einer Pistole hier zu hören war.

Irgendwann fing es an zu schneien und uns überzog ein weißer Film. Paul, so schien es,
würde diese Nacht wohl nicht überleben. Er war zu schwach und sein Körper hatte schon zuviel
mitgemacht. Wir alle waren Schwach und unsere Zeit verran aber das wollten wir uns selbst
nicht eingestehen!

Warum nochmal waren wir in diesen Krieg gezogen? Wir wußten es nicht mehr, denn mit der Ehre,
die uns versprochen war, hatte all dies nichts mehr zu tun schon der Kessel hatte keinen
Funken Ehre mehr besessen. Der Kessel war die Hölle all die aufgerissenen Augen, die im
Anblick des Todes starr geworden waren und all die Kameraden die neben uns von Querschlägern
getroffen wurden. Wir alle waren Verdammte auf dem Weg zum Tod. Bei unserer Abfahrt in Deutschland,
da haben sie uns noch zugejubelt und Anfangs kamen sogar noch Päckchen aus der Heimat an aber
vielleicht hatten sie uns verdängt oder vergessen. Sehr wahrscheinlich sogar, denn mehr als
stupides Fußvolk und Kanonenfutter waren wir nie gewesen aber wie schon zuvor kam auch hier
die Erkenntnis viel zu spät in unser Hirn.

Erst als wir durch den ewigen Schnee stapften, erkannten wir, welchen Wirren wir ausgesetzt waren
doch jetzt, so ganz ohne Durchhalteparolen und ohne Propaganda, da sah die Welt ganz anders aus.
Wir waren auf uns gestellt keine Soldaten die mordend durch die Lande ziehen wollten nein
wir waren ein verstörter Haufen fernab der Heimat der nichts sehnlicher wollte, als nach Hause
zu kommen. Unser einziger Krieg bestand nur darin, zu Entkommen und zu Überleben.

Warum ich diese Zeilen niederschreibe? Es ist einfach. Ich träume es seit vielen Jahren.

Paul starb noch in dieser einen Nacht und der Rest von uns siechte dahin. Wir wurden schließlich
von einem russischen Truppenverband aufgegriffen, die uns halb erfroren neben den Schienen fanden.
Zwei meiner Kameraden gingen zusammen mit mir in Gefangenschaft, der Rest blieb im ewigen Schnee
liegen. Nach fünf Jahren Gefangenschaft kam nur noch ein Kamerad mit mir zusammen nach Deutschland
zurück. Dort aber hatte sich alles verändert.

Wir waren ein geteiltes Land geworden, das aus den Trümmern des dritten Reiches entstand. Der
sogenannte Führer nahm sich das Leben und hinterließ ein Land das ausgebeutet und nahe desbr> Untergangs war.

Meine Familie kam bei einem Bombenabwurf über Köln ums Leben hatte ich kurz nach meiner Heimreise
erfahren und mein geliebter kleiner Bruder wurde kurz vor Kriegsende an die Front gesendet.
Er sollte den Volkssturm bei seiner Aufgabe, das Land zu halten, unterstützen. Er war doch gerade
mal 17 Jahre gewesen aber Dienstfähig. Oh Bruder, ich hoffe du mußtest nie so leiden, wie ich es mußte!

Ich selbst kam als Krüppel zurück. Der Schnee hatte mir den Fuß gekostet.

Verstehen sie nun, warum ich diese Zeilen schreibe? Es ist seit Jahren ein und der selbe Traum.
Eine Frage nach dem Warum und nach dem Sinn. Ich kann nun nicht mehr. Es ist vorbei.

Dies sind meine letzten Zeilen und ich bitte sie, auf große Presse zu verzichten. Bringen sie mich
einfach nur unter die Erde, heim zu meiner Familie!

Ich stelle mich selbst und gehe den Weg des unrühmlichen Todes. Ich wollte nie ein Teil des Reiches
sein und selbst im Tod möchte ich dieses Reich verachten. Ich habe Unschuldige getötet doch ich
war auch nur Jung und hatte Befehle von wahnsinnigen Führern.

Ich habe Angst vor dem Tod, doch ich möchte nicht mehr jeden Abend die Bilder des Kessels vor Augen
haben. Ich bin schwach.

Bruder ich komme zu dir.

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